Eigentlich hat Stefan Berrendt alle Voraussetzungen für eine Traumkarriere. Als ein Wald nach dem anderen in vorgesehenen Wildnisgebieten brennt, kämpft er als studierter Forstwirt dagegen an. Sein Motto: Klimaschutz ja, aber nicht mit unlauteren Mitteln, wie Einsatz von Feuer und Borkenkäfer zur Vernichtung gestandener Kiefernwälder, sondern Kampf gegen wirkliche Klimakiller. Er macht sich bei der Elite unbeliebt. Seine Ehrlichkeit bewahrt er auch zu sich selbst, tut sich dabei aber keinen Zwang an. Das alles wird ihm am Ende zum Verhängnis, als es ihm nicht mehr möglich ist, aus einem brennenden Stiftungswald zu entkommen. Sein Sohn, Kriminalkommissar Louis Berrendt, erfährt während seiner Ermittlungsarbeit, welch individuelle Herausforderung auf ihn wartet. Ob es sich um Brandstiftung im Stiftungsgebiet mit tragischem Unglück handelt oder gar um Mord, muss er noch herausfinden. 

 

Ab 2023 in allen Buchläden und im Internet erhältlich!

 

 

 

 

 

Leseprobe

 

 

   Seite 7 - 38

Vorwort

Klimapolitik mutet manchmal fast kriminell an, zumindest, wenn fragwürdige Klimaenthusiasten Gehör bei Politikern finden. Resultate daraus animieren jeden Krimi-Autoren zum Schreiben eines Romans mit Intrigen und Verschwörungen.

 

Die in diesem Buch beschriebenen Personen, Institutionen, Orte und Handlungen sind fiktiv. Die Orte im Prolog sind es nicht. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen oder mit real existierenden Begebenheiten sind möglich. Die gesamte Dramaturgie des Buches ist einerseits der Fantasie des Autors geschuldet, basiert aber, abgesehen vom Mord an Stefan Berrendt und anderer zum Spannungsbogen gehörenden Details auf Berichte der verschiedenen Medien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

P R O L O G

 

1990

 

 

 

Morgentau macht Himmelblau“, sagte Opa Berrendt. „Das wird der erste schöne Frühlingstag. Die Meteorologen prophezeien zwar etwas anderes, aber dem Wetterbericht in der Tageszeitung glaube ich kein Wort. Heute können wir die geplante Kutschfahrt durch die Lieberoser Heide endlich in Angriff nehmen. Unsere Heimat, die uns jahrelang zu Füßen lag, aber unerreichbar für uns war, möchte ich vielleicht ein letztes mal wieder sehen. Ihr werdet staunen, welche Perle der Natur uns vorenthalten wurde.“

 

 

 

Nach zwanzigminütiger Fahrt sagte der Opa:

 

Jetzt können wir den Libitzer Weg geradeaus weiter fahren, dann kommen wir direkt nach Klein- und Groß Liebitz. Dort hin ist es nicht mehr weit.“

 

Das war bisher fast eine Weltreise“, ergänzte Gerhard Berrendt, sein Sohn, sagte „brrr“ und ließ die Pferde anhalten. Der Opa ließ sich eine Decke reichen und deckte sie über die Knie.

 

Es ist doch noch etwas frisch“, übernahm er wieder das Wort und erklärte weiter:

 

Biegen wir rechts ab, kommen wir nach Lieberose“, „und nehmen wir die linke Richtung, kommen wir am Schulzenlauch vorbei zum Burghofsee.

 

. Auf dem Burghof habe ich von 1936 bis zum Krieg die Woche über gewohnt. Ich war, wie alle hier, als Waldarbeiter beschäftigt.“

 

Dann biegen wir links ab“, sagte Gerhard und ließ die Pferde mit einem „Hü!“ und leichtem Zug an der linken Leine in Gang kommen. Hinten auf der Rückbank der Kutsche saßen seine Frau Gerda und sein Sohn Stefan. Der Beifahrersitz war dem achtzig-jährigen Opa vorbehalten. Schließlich sollte er den Weg weisen, den seine Begleiter bis dato nie kennenlernen durften.

 

Die Russen haben hier alles kurz und klein geschossen“, sagte der alte Mann. Er hatte Tränen in den Augen, als die Kutsche unter einem alten verknöcherten Apfelbaum hielt.

 

Hier unter diesem Baum haben wir damals meist gefrühstückt und das werden wir jetzt auch tun. Dort hinten sieht man noch die Grundmauern vom Forsthaus. Das Grundstück ist nicht wieder zu erkennen. Es ist eine Schande. Nur gut, dass das alles meine Grete nicht mehr sehen muss. Sie war hier in Stellung.“ Dabei wischte er sich mit dem Taschentuch die Tränen von den Wangen.

 

Opa, jetzt ist die Zeit der Kriege endlich vorbei und wir können wieder reisen und wandern wann und wohin wir wollen, ohne jemanden um Erlaubnis zu betteln“, sagte der siebzehn-jährige Stefan.

 

Die kleine Expedition setzte die Tour fort und es dauerte nicht lange, da übernahm der Opa das Steuer, der Rest der Familie musste das nicht ganz geeignete Gefährt für diese nun kommende Wüstenrallye schieben.

 

So etwas gab es hier früher nicht“, schimpfte Opa, aber wir wollen zum Birkenluch und durch das Geserchenluch kommen wir nicht durch. Da müssen wir schon ein Stück durch die Panzerwüste fahren. In dreißig Jahren wird hier überall wieder Wald sein.“

 

Die Anstrengung hatte sich gelohnt. Dieses Birkenluch war, genau wie alle noch folgenden Luchs und Seen eine Augenweide. Sie ergänzten sich mit den ausgedehnten Kiefernwäldern mit ihrem harzigen Geruch und den Eichen, die oft in kleinen Gruppen auch in der Nähe von Feuchtgebieten ihre groß verzweigten Kronen zur Schau stellten. Rehe, Hirsche und Wildschweine ließen sich nicht von dem Gefährt stören.

 

Opa“, gibt es hier im Wald auch Wölfe?“, fragte Stefan.

 

Nein, die können wir nicht gebrauchen. Der letzte Wolf wurde Gott sei Dank im Jahr meiner Geburt geschossen. Deutschland hat nicht mehr den Lebensraum für Wölfe wie vor hunderten von Jahren. Weiter geht es am Painscher Luch und Cottbuser Berg vorbei bis zum Teerofensee“, erklärte der Opa. „Dort machen wir eine kleine Pause. Dann fahren wir weiter zum kleinen und zum großen Zehme-See, wo die Familie von Houwald ihr gräfliches Jagdhaus hatte. Mittag wollen wir bei meinem Bruder in Byhlen sein, der wohnt unweit vom See und zum Kaffee sind wir wieder zu Hause. Die Familie Berrendt genoss die wieder erlangte Freiheit, doch als es die Natur mit dem großen Zehme-See am besten meinte, waren sie plötzlich nicht mehr allein in mitten der Perle der Natur. Wie Phönix aus der Asche stand plötzlich ein Jeep neben der Kutsche. Ein Förster stieg aus, er hatte einen Hund an der Leine.

 

Wissen sie eigentlich, in welcher Gefahr sie sich hier befinden?“, donnerte er uns an. „In dieser Gegend kann sich überall Munition befinden.“

 

Da haben sie aber Glück gehabt!“, erwiderte Stefan, „wie leicht hätte es sie erwischen können!“

 

Ihren Ausweis bitte“, forderte der Forstbeamte Gerhard Behrendt auf, offenbar hatte er ihn als Kutscher auch zum Verantwortlichen dieser „straffällig“ gewordenen Gruppe erkoren. Auf die Bemerkung des jugendlichen Stefan ging er nicht ein.

 

Ich habe keinen mit.“

 

Ihr Name?“

 

Müller“, übernahm Stefan die Antwort.

 

Sie sind nicht gefragt“, donnerte der Förster Stefan an und fragte Gerhard nach dem Vornamen.

 

Peter“, gab er geistesgegenwärtig zur Antwort, dann durfte die Familie unter dem Verweis, sofort den Wald zu verlassen, ihre Fahrt nach Hause antreten. So bekam der Freiheitsgedanke doch einen Dämpfer und Familie Berrendt war schon zu Mittag anstatt zum Kaffee wieder zu Hause.

 

 

 

 

 

 

 

I

 

 

 

1997

 

 

Zwei Jahre war es her, als Stefan Berrendt während der Abschlussfeier seines Bachelorstudiums Susanne, die Schwester seines Kommilitonen Klaus Glausewicht, kennenlernte. So richtig kennengelernt hatte er sie, abgesehen von ein paar schönen Urlaubstagen, allerdings nie. Sein Master-Studium in den letzten zwei Jahren gab ihm dazu keine Gelegenheit. Jetzt war auch dieses abgeschlossen und es gab einen guten Grund zum Feiern; die Trauung mit Susanne. Susanne war bereits im Hause Berrendt eingezogen, war im siebenten Monat schwanger, da war die Hochzeit nach Ansicht von Vater und Mutter Berrendt längst überfällig. Nicht für Stefan. Außer, dass Susanne schwanger war, gab es für ihn keinen wirklichen Grund zur Eheschließung. Klar war sie schön, anzüglich und sie nutzten die begrenzte Zeit des Zusammenseins zur körperlichen Hingabe in vollen Zügen. Doch viel mehr, als ihr Aussehen, und ihren unersättlichen Liebesdrang kannte er nicht von ihr. Er wusste nicht einmal, was sie so richtig beruflich tat, nur so viel, dass eine Stiftung ihr Arbeitgeber wäre. Das sollte sich mit diesem Tag ändern. Eine Gesellschaft, die sich größtenteils noch niemals gesehen hatte und sich auch nicht näher kannte, traf sich vor dem Standesamt. Das große Kennenlernen konnte also beginnen. Das ging dann für Stefan schneller als gedacht. Nach dem üblichen Prozedere gab es in der Gaststätte ein Essen. Beim anschließenden Umtrunk fand sich eine interessante Gesprächsrunde zusammen. Immerhin waren zwei frisch ausgebildete Forstwirte, ein Beamter aus der Politik und andere Interessierte für Klima und Wald dabei. Als der Alkoholpegel gestiegen war, wurden die Diskussionen hitzig. Der Klimawandel und welche Rolle der Wald dabei spielen würde, waren das große Thema. Klaus Glausewicht wollte die von Waldbrand bedrohten Kiefernbestände nach und nach entfernen und den Wald sich selbst überlassen. Damit stünde er allein da, wenn nicht seine Schwester und ab diesem Tag Stefans Ehefrau ihm nicht beiseite gestanden hätte. Ein Zimmermann stellte sich vor und schimpfte auf die Politik, die den miserablen, ungepflegten Waldzustand mit Totholz billigen würde. Man brauche einen gesunden Wald als Holzlieferant und für den Klimaschutz, sagte er.

 

Am Ende fragte einer:

 

Wer hat denn nun Schuld am Klimawandel?“

 

Ich will es mal so sagen“, mischte sich Stefan in die Gesprächsrunde ein. „Der allein Schuldige am Klimawandel ist der Mensch mit seinen Fähigkeiten, seiner Neugier und seinem Erfindergeist Wäre der Mensch ein Affe, gäbe es keinen Kapitalismus und damit keinen Klimawandel. Das denken zumindest viele Affen. Und weil das so ist, fühlen sich bestimmte Menschen, von xy bis Karl Schießmichtot, berufen, gegen die Schuldigen zu protestieren. Sie kleben sich auf Autobahnen fest, ketten sich auf Baumkronen an, schweißen sich an Eisenbahnschienen, greifen also in den Verkehr ein, behindern die Wirtschaft, gefährden andere Menschen. Und sie erzielen Wirkung in oberster Instanz.“

 

Das ist so“, reagierte als erster der Beamte und grinste. Auch alle anderen Gäste amüsierten sich über Stefans Beitrag, nur Susanne nicht. Sie wurde knallrot, die Wut stand ihr ins Gesicht geschrieben, als sie mit erregter lauter Stimme in das Gelächter schrie:

 

Stefan, dann bin ich in deinen Augen wohl eine Äffin!“

 

Susanne, nein, um Gottes Willen, wie kommst du denn darauf? Ich habe nicht gesagt, dass du ein Affe bist!“

 

Ich war bei den von dir angesprochenen Demonstrationen auch schon dabei.“

 

Susanne, das ist doch nicht so schlimm, Jugendliche flippen schon mal aus. Mir geht es doch nur darum, dass man die Fähigkeiten und den Erfindergeist des Menschen nicht anzweifeln darf, dass wir ohne dem elektrischen Strom, Autos und vielem anderen mehr nicht den heutigen Wohlstand hätten. Natürlich war diese Industrialisierung nicht immer klimafreundlich, aber das war doch der Zeit geschuldet. Heute können wir nicht einfach alles dem Klima nicht Zuträgliche abrupt abschaffen. Die Menschen werden verstehen, Äquivalente zu finden. Es braucht seine Zeit.“

 

Susanne stand auf, rannte aus dem Saal und rief dabei:

 

Dann bleibe ich für dich wohl eine ausgeflippte Äffin!“, und war verschwunden.

 

Klaus Glausewicht lachte aus vollem Hals. „Das ist meine Schwester, Stefan, so kenne ich sie, mach dir da nichts draus.“ „Entschuldige mal, Klaus, ich habe sie heute geheiratet, und hab mir den heutigen Tag schon ein bisschen anders vorgestellt. Du hattest sie mir vor zwei Jahren wie Sauerbier angeboten, hättest mir von ihren außergewöhnlichen Reizen schon damals was sagen können. Aber du kannst ja auch nicht für. Ich bekomme das schon wieder hin.“

 

Na dann viel Spaß“, sagte der neue Schwager, mit dem Stefan eigentlich nie viel am Hut hatte. Seine reizende Schwester machte ihn mit diesem Tag sogar zum Verwandten, dessen Umgang Stefan den kurzen Rest der Feier mied.

 

 

 

 

 

 

 

II

 

2008

 

 

Die Wiese hinter dem Wohnhaus hatte in den letzten elf Jahren selten einen Rasenmäher gesehen. Stefan Berrendt war meist unterwegs, hatte keine Zeit dafür. Seine Eltern hatten ihm das Grundstück überschrieben, aber Susanne fand den Garten ungemäht besser. Louis kannte die Wiese nur so. Er lag relax auf dem Rücken. Dir müssen vom Spielen mit dem Handy die Daumen weh tun, sagte seine Mutter. Der lockige Haarschopf des Jungen schaute dann kurz aus dem Meer von Wildblumen Gräsern und Kräutern, um gleich wieder abzutauchen. Susanne befasste sich derweil im Garten mit einem Käfer, der über ihrem Handrücken krabbelte und freute sich, dass sie mit dem Handy genau das Richtige für ihren aufgeweckten Sohn getroffen hatte.

 

Er geht mir so nicht mehr auf den Keks“, hatte sie Stefan am Wochenende gesagt. „Du bist ja meist unterwegs und bekommst ihn nicht mit.“

 

Susanne Berrendt ging ungestört ihrer Lieblingsbeschäftigung nach, beobachtete Käfer, Würmer und alles was noch so kreuchte und fleuchte, machte Fotos und drehte Videos davon. Am Wochenende, wenn Stefan von seiner Arbeit aus dem tiefsten Westen nach Hause kam, zeigte sie ihm stolz ihre Arbeitsergebnisse, die auch auf allen möglichen Internetseiten zu finden waren. Das Erstellen von Fotos und Videos dieser Art bekam sie von ihrem Arbeitgeber, der „Stiftung Wüste Wildnis“ sogar bezahlt, denn es waren Produkte die in der Gelfhofer Heide, ihrem Arbeitsbereich, entstanden sind. Hier, am Rande des kleinen Dorfes Hexhütten, direkt am Wald gelegen, hatte die junge, aus Berlin stammende Frau unter Zutun ihres Bruders ihr ideales Zuhause und ihre Arbeit gefunden. Für Susanne Berrendt handelte es sich eigentlich nicht um Arbeit, sondern eher um eine schöne Beschäftigung, bei der sie ihrem Hobby nachgehen konnte.

 

Mama!“, rief der kleine Louis plötzlich, „sind Waldbrände gut?“

 

Wie kommst du denn darauf, Louis?“

 

Mein neues Handy ist cool, Mama, kucke mal, was ich gefunden habe!“

 

Was denn? Och Louis, jetzt ist mir der schöne Blaue Kiefernprachtkäfer weggeflogen – aha, eine grüne Kinderseite liest du? Das ist gut mein Kind, da kannst du nur lernen. Lies mal bitte vor.“

 

Sein Handy bediente Louis übermütig über dem Kopf. Neben ihm saß seine Mutter auf einem kleinen Polder mit von Feuer gezeichneten Kiefernstämmen. Ein Förster und guter Freund genehmigte Stefan entgegen aller aktuellen Klimaschutzbestimmungen, dieses Holz aus dem Wald zu holen. Es war für den Winter zum Beheizen der Kochmaschine vorgesehen. Wir sparen damit teuren Strom für den E-Herd, überzeugte er seine Susanne. Sie freute sich in diesem Moment eher über das Interesse ihres Zehnjährigen, der ihr flüssig vorlas:

 

Waldbrände beeinflussen das Ökosystem positiv. Der Waldboden bekommt wieder mehr Licht und die Sämlinge am Boden haben beste Startmöglichkeiten. Das verbrannte Holz bietet den jungen Pflänzchen Nährstoffe, die sie für ihre Entwicklung brauchen. Völlig neue Landschaften entstehen, bis der Wald zu einem Urwald heranwächst. Tiere, die zuvor um ihr Dasein kämpfen mussten, haben nun eine bessere Chance dieses zu behaupten.“

 

Wenn das dort so steht, Louis, dann wird das schon richtig sein. Es ist auch richtig, dass sich die Natur nach einem Waldbrand sehr schnell erholt. Erst vorige Woche hat ein Wald, nicht weit von uns, gebrannt. Ich habe dort gestern Fotos geschossen und ich wollte es beinahe nicht glauben, was da passiert ist. Es ist so ähnlich, wie du mir das vorgelesen hast. Keimlinge treiben ihre zarten grünen Spitzen durch den von Feuer geschwärzten Waldboden. Der bietet ihnen beste Nahrung für ihren Start in die neue Welt. Die Rehe interessieren sich nun für die schnell wachsenden Pflänzchen, aber da ist der Wolf, der die Rehe jagt und erbeutet.“

 

Frisst er die Rehe?“

 

Ja, dafür ist er da, damit sich der Urwald schnell entwickeln kann.“

 

Aber der Jäger kann doch die Rehe schießen, dann haben wir das Wildfleisch, welches Onkel Klaus manchmal bringt.“

 

Im Urwald darf kein Jäger schießen, dort regelt die Natur alles von ganz allein. Auch die Vögel sind wieder da und finden Insekten, die das Feuer überstanden haben. Das Interessanteste sind aber die Käfer, die unter der verkohlten Borke ihre Eier ablegen, aus denen sich dann Larven entwickeln. Aus den Larven werden wieder die schönen Blauen Kiefernprachtkäfer. So einen hatte ich dir vorhin ja gezeigt.“

 

Erzähle weiter, Mama, das ist spannend.“

 

Da hast du Recht, das ist spannend. Und weißt du, was aus dem abgebrannten Wald einmal entstehen wird?“

 

Jaaa, ein Urwald. Das habe ich ja gerade gelesen. Mama, was ist ein Urwald?“

 

Ein Urwald ist beinahe wie ein Märchenwald aus den Märchen, die ich dir vorgelesen hatte, als du noch klein warst. Ein Urwald ist ein richtig wilder Wald, also eine Wildnis, in die kein Mensch rein darf, denn dieser Wald gehört ganz allein der Natur – den Pflanzen und den Tieren. Wenn die Bäume alt und groß sind, fallen sie um und wenn ein Blitz einschlägt, brennen sie ab. Es wächst etwas Neues daraus. In so einem Urwald leben die wilden Tiere ungestört vor den Menschen. Wölfe, Füchse, Hirsche, Rehe und Wildschweine sorgen von allein für ein Gleichgewicht. Vor allem der Wolf passt auf, dass Hirsche und Rehe nicht an jungen Bäumen nagen. Er frisst diese großen Waldbewohner mit Haut und Haar.

 

Mama das habe ich verstanden. Und wofür brauchen wir einen Urwald?“

 

Damit du, Louis, auch noch in fünfzig Jahren auf der Erde leben kannst, dafür brauchen wir den Urwald. Deshalb kämpfen wir für die Wildnis. Wenn es nach mir und meinen Kolleginnen und Kollegen ginge, gäbe es nur Wälder mit Sümpfen, Mooren, Auen und Feuchtgebieten, in denen natürliche Prozesse, wie Überschwemmungen und entwurzelte Bäume durch Sturm unser heutiges geschädigtes System wieder aufbauen.

 

Warum werden dann nicht alle Wälder gleich verbrannt? Dann hätten wir doch in fünfzig Jahren überall Urwald und wir könnten dann alle glücklich weiter leben.“

 

Wir kämpfen ja gegen den Klimawandel, alle Wälder dürfen wir trotzdem jetzt nicht abbrennen. Urwald entsteht aber schon in einigen ehemaligen Kiefernwäldern, in denen es schon gebrannt hat. Es gibt einen Aussichtsturm. Von dort aus kannst du dir mit einem Fernglas die Gelfhofer Heide ansehen, auch die Stellen, an denen Urwald gerade im Entstehen ist. Ich zeige von dort oben, welche Wälder uns noch stören, um eine Wildnis aufzubauen, denn zu einer Wildnis gehört mindestens eine zusammenhängende Fläche von tausend Hektar. Das kannst du alles noch nicht verstehen. Unsere Stiftung bietet Führungen auf den Stiftungsflächen an. Und dann haben wir ja noch den Onkel Klaus. Der ist Förster und der zeigt uns bestimmt auch mal den zukünftigen Urwald direkt.“

 

Oh ja! Mama, den möchte ich sehen!“

 

Am nächsten Morgen ging für Louis die große Exkursion zunächst mit dem Auto los. Nur sieben Minuten Fahrt, dann war er mit seiner Mama am Ziel, einem Steinkoloss mit eben solchen Stufen. Ein junger Mann empfing die zwei vor diesem Objekt, Louis begrüßte er mit einem kräftigen Händedruck und die Mama mit: „Hallo Susa“ und einem Küsschen auf den Mund.

 

Mama, wer ist denn das?“, fragte Louis verwundert. „Ich dachte Onkel Klaus macht die Führung.“

 

Onkel Klaus macht das nächste mal die Wildnis-Führung. Das ist Simon, mein Arbeitskollege. Gefällt er dir?“

 

Nein!“

 

Der junge Mann lachte. Er war an die zwei Meter groß, mit langen, tiefschwarzen, zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenen Haaren und einem eben so langen Bart, der am Ende zu einem Zopf geflochten war. Er hatte einen Gang, als würde er eine Zentner-Last mit sich tragen, bei jedem seiner wiegenden Schritte sank er beinahe in sich zusammen. Sein Rucksack auf dem Buckel schien aber leer zu sein.

 

Wir werden uns schon noch anfreunden“, war sein Kommentar dazu.

 

Mama“, nörgelte Louis, „ich will in den Urwald!“

 

Louis, bitte!“, da erlöste Simon die genervte Mutter, indem er sich den Exkursionsteilnehmern vorstellte. Es waren noch neun weitere Interessierte, die sich nun um diesen Naturexperten geschart hatten.

 

Ich bin Simon Raman“, sagte er, „und werde mit ihnen eine Wanderung durch einen Teil der größten Wüste Deutschlands durchführen. Doch zunächst besteigen wir den Aussichtsturm. Von dort oben ist zu erkennen wo unsere Wildnis einmal entstehen wird und welche Flächen sich schon auf einem guten Weg dorthin befinden. Das sind diese schwarzen verkohlten ehemaligen Waldflächen. Eine Wildnis in der Gelfhofer Heide zu begründen, ist das große Ziel unserer Stiftung. So ganz nebenbei sind wir aber auch stolz auf unsere Wüste, in die wir uns jetzt begeben werden. Bitte vergessen sie nicht, zuvor die obligatorischen fünf Euro Unkostenbeitrag bei mir zu entrichten.“

 

Mama, müssen wir auch bezahlen, wenn wir uns in die Wüste begeben werden?“

 

Nein, natürlich nicht.“

 

Bitte folgen sie mir“, sagte Simon Raman und begann gleich von einer interessanten Tierwelt in der Wüste zu sprechen. Er nannte verschiedene seltene Spinnenarten und Insekten die hier in der Wüste zu finden wären.

 

Wenn wir Glück haben“, sagte er, „sehen wir heute Ameisenlöwen, Sandlaufkäfer, verschiedene Wegwespen und Grabwespen, wie etwa die Kreiselwespe.“

 

Helfen diese von ihnen aufgezählten Insekten beim Kampf gegen den Klimawandel?“, fragte eine Frau aus der Gruppe.

 

So direkt jetzt nicht“, gab Simon Raman zur Antwort, „aber sie gehören zu einem funktionierenden Ökosystem, so gesehen schon.“

 

Aber wäre ein in diese Wüste gepflanzter Wald nicht besser für die Umwelt, als all diese Käfer hier? Bäume und Sträucher haben sich nach dem Verlassen der Sowjetarmee doch ringsherum wieder entwickelt.“

 

Nein, im Gegenteil, im Zuge einer Landschaftspflege sind Eingriffe vorgesehen, die eine Wiederbewaldung verhindern.“

 

Landschaftspflege?“, fragte ein verdutzter älterer Mann. „Ich dachte, die Natur soll sich hier frei entfalten können.“

 

Wir sind hier in der Wüste, und die ist erhaltenswert“, sagte Simon Raman und hatte auch prompt seinen ersten Beweis dazu gefunden, sein erstes Vorzeigeobjekt.

 

Eine sehr seltene Philantus triangulum“, sagte er, „es ist eine Grabwespe, auch Bienenwolf genannt.“

 

Von Nistgängen und Brutzellen sprach er. Seine nun scheinbar gelangweilten Begleiter folgten schweigend den schweren Schritten ihres Reiseleiters durch die „Wüste“. Einzig Louis lockerte den einem Beerdigungszug gleichenden Marschblock etwas auf, indem er forderte:

 

Ich möchte keinen Bienenwolf sehen, sondern einen richtigen Wolf, einen, wie im Märchen, einen Wolf im Urwald! Und als er auf seinem Handy sogar herausgefunden hatte, dass es den Bienenwolf überall in Europa und auf der ganzen Welt gibt, hatte er dem Profi die Show gestohlen. Der erzählte munter weiter, dass diese Wüste unbedingt offengehalten werden müsse.

 

Wozu die Wüste, die es vor hundert Jahren hier gar nicht gab?“, fragte einer. „Sie wurde durch Panzerarmeen künstlich geschaffen. Diese Panzerwüste sollte einer natürlichen Sukzession überlassen werden oder es sollten Bäume gepflanzt werden. Den hier verbliebenen Offensandfeldern kostenaufwändig einen Zustand der Sahara-Wüste aufzuzwingen, ist doch Unfug. Das widerspricht doch ihrem Geschwafel von ‚naturnah‘ und passt nicht in unsere sonst so schöne Landschaft rein. Der Junge hat schon Recht. Diese Insekten, die sie hier finden, haben keinen Schutzstatus. Fürs Klima wäre ein Wald an dieser Stelle tausendmal gesünder, als der tote Sand. Die fünf Euro können sie behalten, aber behalten sie ihre Märchen demnächst für sich! Ich jedenfalls mache Kehrt. Übrigens, vor hundert Jahren musste keiner bezahlen um diese Landschaft zu betreten.“

 

Wir sind ja auch am Ende unserer kleinen Exkursion“, reagierte Raman erschrocken. Der letzte Kommentar schien ihn jedoch zu beunruhigen und er fragte:

 

Wer sind sie?“

 

Das sollten sie eigentlich wissen. Sie konnten damals an der Uni meinen Darlegungen schon nicht folgen und hatten beizeiten das Handtuch geworfen. Dass sie nichts, aber auch gar nichts aus den absolvierten Studiengängen mitgenommen hatten, stellten sie heute unter Beweis. Herr Raman, lassen sie das hier besser.“

 

Er ging, gefolgt von all den anderen enttäuschten Opfern dieses Predigers einer weltfernen verträumten Philosophie.

 

Simon Raman hielt immer noch verkrampft Susannes Hand und fragte: „Habe ich etwas falsch gemacht?“

 

Nein Simon, die Leute verstehen das nur nicht.“

 

Und doch hast du etwas falsch gemacht“, sagte Louis. „Wären wir alle durch einen Wald mit Wölfen, Hirschen und Rehen gegangen, dann würde uns allen die Exkursion gefallen.

 

 

 

Am Abend kam Stefan Berrendt nach Hause. Er begrüßte zuerst Susanne, dann befasste er sich mit Louis. Louis hatte seinem Vater viel zu erzählen, von der Exkursion mit Simon durch den Wüstensand und dass alle von der Gruppe abgehauen seien, weil sie die Wüste und den Bienenwolf nicht sehen wollten.

 

Ich wollte auch abhauen“, sagte er weiter, „wollte lieber in den Urwald, aber Simon hatte ja Mama die ganze Zeit an der Hand festgehalten. Papa, ich hab ein Handy und weißt du was ich gefunden habe?“

 

Na, was denn?“

 

Dass die Wälder abbrennen müssen, damit daraus ein Urwald mit vielen neuen Pflanzen und Tieren wird.“

 

Louis, das ist ein bisschen anders, wir zwei werden uns morgen darüber unterhalten, da werde ich dir alles richtig erklären. Mama bringt schon das Abendbrot auf den Tisch, wir werden erst einmal essen.

 

Nicht, dass du dich wunderst“, sagte Susanne, „ich habe das Essen ein wenig umgestellt.“

 

Ja, ich sehe schon die Margarine. Das sieht ja aus, wie eine Zeitreise in die 1950er Jahre. Damals lautete eine Liedzeile:

 

Mitschurin (ein russ. Kolchosexperte) hat festgestellt, dass die Butter Fett enthält. Um die Menschen zu gesunden, ist die Butter jetzt verschwunden.‘ Und was soll das?"

 

Wegen des Methans natürlich, weil die Kühe pupsen! “

 

Aha!“, reagierte Stefan erregt. Beim Essen verstand er keinen Spaß. „CO2-Speicher Urwald, von dem du immer so schwärmst, gegen ‚kriminelle Methan-Kühe‘ austauschen? Pass mal auf, Grasland ist neben Feuchtgebieten und Mooren der größte Kohlenstoffspeicher, noch vor Wäldern und Ackerland. Ohne Kühe kein Weidegrasland, schlechtere Klimawerte – Punkt!

 

Schlechtere Klimawerte haben wir durch Abholzung und Rekord-Waldbrände im brasilianischen Amazonas-Regenwald“, erregte sich Susanne, diese riesigen Waldflächen werden praktisch ausradiert. Sie nehmen kein CO2 mehr auf. Aber wir haben ja noch die Kühe, die für einen der größten Kohlenstoffspeicher sorgen. Also können wir weiter Butter konsumieren, ich bitte dich.“

 

Ja, das ist doch etwas ganz anderes. Du vergleichst Äpfel mit Birnen. Die von dir angesprochenen Rekordwaldbrände gibt es in der Tat in Brasilien. Sie fallen aber den Sojabohnenfeldern zum Opfer. Diese Wälder brennen, weil die Europäer Sojaprodukte für künstliches Essen kaufen. Übrigens auch bei uns in Brandenburgs von Wildkameras übersäten Stiftungswäldern. gibt es Rekordwaldbrände. Wer hat wohl am Ausradieren dieser Wälder Interesse? Brandstifter wurden schnell vermutet, aber nie gesehen, k o m i s c h. Es liegt auf der Hand, wer Urwald wünscht, kann mit einem von Menschenhand angelegten Wald, wie unsere Kiefernwälder, die Waldstück für Waldstück abbrennen, nichts anfangen.“

 

Das stimmt, Papa, ich möchte auch lieber einen Urwald haben ... ."

 

Du möchtest erst einmal Abendbrot essen, darüber reden wir morgen“, beendete Stefan das Gespräch und Susanne hatte dazu nichts mehr zu sagen.

 

Als Louis im Bett war sagte Stefan:

 

Übrigens hat sich Professor Briena bei mir gemeldet, du weißt schon, der Dozent von der Hochschule.“

 

Jetzt weiß ich, wer das war, der sich gegen unsere Wüste so echauffiert hatte.“

 

Nicht nur darüber, sondern auch über dein Benehmen mit diesem Simon Raman, wovon mir Louis auch erzählt hat.“

 

Entschuldige bitte mal, der ist mein Kollege, wir haben uns nur unterhalten.“

 

Aber die Begrüßung mit ihm war herzlicher, als die vorhin mit mir. Susanne, du kannst natürlich über dich selbst entscheiden, eine Bigamie dulde ich aber nicht und synthetisches Essen auch nicht, ich sehe doch, was du auf den Tisch bringst.

 

Susanne verließ mit einer kraftvollen Betätigung der Tür das Zimmer.

 

 

 

Louis konnte lange nicht einschlafen. Er grübelte. Wenn heute Nacht der Wald abbrennt, sind wir alle unsere Sorgen los und ich kann so alt wie Opa werden. Ich brauche mir nur ein Feuerzeug nehmen, mit dem Fahrrad in den übernächsten Wald fahren, ihn anbrennen und schnell wieder nach Hause fahren. Bevor die Feuerwehr losfährt, bin ich in meinem Bett und vielleicht kann sie das Feuer nicht löschen.

 

Louis schreckte aus seinen Träumen auf. Draußen war es noch dämmerig. Er schaute auf seine Armbanduhr – vier Uhr. Wieder überlegte er und kam zur Überzeugung, ich muss es tun, für Mama, für Papa und für alle. Er warf sein Deckbett zurück, stand auf und öffnete leise seine Zimmertür. Im Flur spendete sofort die kleine Wandlampe ihr mattes Licht. Aus dem Schlafzimmer nebenan waren die gleichmäßigen Schnarchgeräusche seines Vaters zu hören. Schnell hatte Louis das Wohnhaus verlassen, nahm sein Fahrrad aus der Garage, steckte ein Feuerzeug in seine Schlafanzugtasche und fuhr durch das Hofhintertürchen direkt in den Wald. An der Stelle, die er am Abend zuvor auserwählt hatte, schmiss er sein Fahrrad hin, betätigte das Feuerzeug und hatte ein kleines Feuerchen entfacht. Es war trockenes Gras, das schnell angebrannt war. Jetzt musste es nur noch auf den Wald übergreifen. Louis schaute auf seine Armbanduhr. Zehn Minuten war er seit dem Aufstehen unterwegs, jetzt fuhr er mit all seiner Kraft schnell nach Hause. Unterwegs überlegte er, vielleicht ist das Feuer ja wieder ausgegangen. Als er sein Fahrrad in die Garage zurückgestellt hatte und die Haustür öffnen wollte, stellte er fest, dass er den Schlüssel von innen stecken gelassen hatte und mittels Knauf kein Öffnen möglich war. Er rannte um das Haus herum, bis zu seinem Zimmer. Das Fenster war offen, aber für ihn zu hoch, um sich rein zu hangeln. Vom Wald her leuchtete ein Feuerschein durch den aufhellenden Morgen. Die Sirene hatte bereits dreimal aufgeheult und Louis sah seinen Vater mit dem PKW durch das Hoftor eilen er rannte wieder zur Haustür, dachte, Vater hat sie vielleicht aufgelassen – sie war geschlossen. Aus dem Haus heraus hörte er seine Mutter rufen:

 

Louis, aufwecken, der Wald brennt bei uns in der Nähe, wir müssen schnell von zu Hause weg. Louis, wo bist du denn?“ Louis rannte wieder zurück zum Fenster und rief:

 

Mama, ich bin schon draußen!“

 

Der Himmel war mittlerweile hell erleuchtet. In der Ferne waren Signale der Feuerwehrautos zu hören. Louis zitterte am ganzen Körper. Es war Angst und Kälte gepaart, die ihn zum Beben brachten. Seine Mutter kam ihm nun entgegen.

 

Junge, was machst du denn hier draußen im Schlafanzug?“, fragte sie. Komm schnell rein, dich anziehen, dann müssen wir so schnell wie möglich fort von hier. Susanne Behrendt suchte für den Anlass passende Sachen aus dem Schrank, währenddessen Louis seinen Schlafanzug auszog. Dabei fiel ihm das Feuerzeug aus der Jackentasche.

 

Wie kommt denn das Feuerzeug in deine Schlafanzugtasche, Louis?“

 

Das weiß ich nicht.“

 

Egal, jetzt müssen wir schnell hier raus. Wir fahren zu Tante Claudia, da können wir die Nacht bleiben.“ Papa ist mit der Feuerwehr unterwegs.“

 

Mama, wer ist Tante Claudia?“

 

Die ist eine liebe Kollegin von mir. Sie koordiniert die Wildnis in unserer Stiftung. Jetzt aber schnell ins Auto.“

 

Während Susanne Berrendt ihren PKW steuerte Fragte Louis weiter:

 

Mama wie koordiniert man eine Wildnis?“

 

Louis, ich hab doch jetzt andere Dinge im Kopf.“

 

Ich will es aber wissen.“

 

Das verstehst du sowieso nicht, na gut: ‚Unser gesamter Stiftungswald soll einmal Wildnis werden und Wildnis muss sich von selbst entwickeln. Also muss der alte Waldbestand weg. Welcher Wald wann wegkommt, koordiniert Tante Claudia.“

 

Und was ist koordinieren?“

 

Aufeinander abstimmen.“

 

Jetzt habe ich verstanden, was Tante Claudia macht, sie stimmt ab, wann welcher Wald wegkommt. Dass die Wälder abbrennen, wenn sie wegkommen, weiß ich schon, also brennt Tante Claudia die Wälder ab, die sie sich ausgesucht hat.“

 

So einfach ist das nicht, sie muss dass schon mit unserem Chef abstimmen und dann muss ja noch ein Blitz einschlagen oder Munition explodieren, die das Feuer auslöst. Manchmal gibt es auch Brandstifter, die das Feuer auslösen.“

 

So wie heute.“

 

Aber das weißt du doch gar nicht.“

 

Doch, ich war es.“

 

Du? Louis, erzähl das nur keinem. Das ist kein Stiftungswald, der heute brennt.“

 

Mama, das ist doch egal, Hauptsache, wir haben in fünfzig Jahren überall Urwald.“

 

Louis, darüber sprich bitte mit niemandem, auch nicht mit Papa. Wir sind übrigens bei Tante Claudia.“

 

 

 

Claudia Hägeminster erwartete vor ihrem Haus bereits ihre Nachtgäste für die letzten Stunden der Nacht und empfing sie herzlich. Sie war wirklich eine ganz Liebe, stellte Louis fest, denn sie küsste seine Mutter so sehr, wie es Papa noch nie getan hatte. Louis streichelte sie nur über den Kopf und sagte: „

 

Na, Großer?“, dann ging sie seiner Mutter hinterher, die sich bereits ins Schlafzimmer begeben hatte.

 

Luis, willst du bei mir schlafen oder lieber im Wohnzimmer auf der Couch?“

 

Im Wohnzimmer auf der Couch:“

 

Gut, hier hast du eine Decke, deine Mama schläft bei mir, Gute Nacht!“

 

Louis weckte bald wieder auf. Vom Schlafzimmer her hörte er komische Geräusche, wie er sie zu Hause nachts auch schon mal gehört hatte. Er konnte nicht gut schlafen, viel zu aufregend war die Nacht.

 

 

 

Stefan Berrendt bemerkte nach Ausbruch des Feuers seinen Pieper und las, „Feuer in Berrendts Wald“. Sekunden später schon stürzte er aus dem Haus und befand sich in Richtung Feuerwehrdepot. Es war Wochenende, viele Einsatzkräfte waren zum Einsatz bereit und die Besatzung des ersten Löschfahrzeuges war mit ihm komplett. Jeder wusste, was er zu tun hatte und im Nu war der relativ kleine Brand unter Kontrolle. Pünktlich zu Mittag kam Stefan wieder zu Hause an. Er war total ausgelaugt, hatte ja noch nichts gegessen und außer Wasser auch nichts weiter getrunken.

 

Hast du etwas zu Mittag vorbereitet?“, fragte er Susanne.

 

Ja, es gibt Tofu mit Sojasoße und Sojamilch-Pudding.“

 

Ist das dein Ernst?“

 

Ja, warum nicht? Ich war mit Louis in der Nacht vor dem Feuer geflohen, wir sind bei meiner Arbeitskollegin untergekommen. Da hatte ich nicht viel Zeit, mich um großartiges Essen zu kümmern. Und außerdem, in meiner Küche kommt kein Rind- und kein Schweinefleisch mehr auf den Tisch. Erstens ist die Tierzucht Tierquälerei und zweitens schadet sie der Umwelt.“

 

Das ist deine Theorie, Susanne und die deiner Geistesverwandten. Ich hatte dir erzählt, woraus Tofu hergestellt wird, nämlich aus Soja-Bohnen. Dass für diese Soja-Bohnen Brasiliens Amazonas-Urwälder weichen müssen, dass sie für dein geschmackloses Mittagessen gerodet und verbrannt werden, lässt du außer Acht. Das Schlimmste aber ist, dass du Louis in seiner Lebensorientierung falsch beeinflusst, dass du ihn bewusst in eine gefährliche Richtung stürzen lässt.

 

Louis saß die ganze Zeit mit gesenktem Kopf am Küchentisch und als Stefan sagte, Louis wir wollten uns doch noch über Feuer im Wald unterhalten, fing er an zu weinen und rannte raus.

 

Susanne“, sagte Stefan, „du solltest dir überlegen, warum Louis letzte Nacht draußen herum gerannt ist. Du solltest auch darüber nachdenken, ob du deinen Irrweg weiter beschreiten möchtest. Ich fahre zum Gerätehaus, dort gibt es Bockwurst, Brötchen und auch etwas zum Trinken. Wenn ich wieder komme, möchte ich wissen, woran ich bin.“

 

Stefan kam am Nachmittag nach Hause und fand einen Zettel auf dem Tisch: „Wohne mit Louis vorübergehend bei Klaus.“

 

Stefan stieg sofort wieder in sein Auto und fuhr zu Glausewicht. Dort traf er nicht nur Susanne an, sondern auch Simon Raman. Dieser Raman ließ Stefan gar nicht erst zu Wort kommen, sondern sagte sofort:

 

Susanne und Louis kommen zu mir. Susanne wird sich scheiden lassen.“

 

Okay“, sagte Stefan, wenn Susanne das so wünscht, habe ich nichts dagegen. „Und Louis, möchtest du bei Mama oder Papa bleiben?“

 

Bei Mama“, sagte er.

 

Damit hatte Stefan gerechnet, denn er war mit dem Jungen ja nur selten zusammen. Was er zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, war, dass Louis schon nach wenigen Tagen seine Entscheidung rückgängig machte und seinen hartnäckigen Wunsch, bei seinem Vater bleiben zu wollen, durchsetzte. Das bedeutete für Stefan, dass er sich eine Arbeit in der Nähe suchen musste und er fand sie als Referatsleiter im Umweltschutz.

 

 

 

Ein halbes Jahr später. Vor der Kneipentür von Hexhütten herrschte großes Gedränge. Jeder wollte einen guten Platz im Saal bekommen, aber die Tür war noch verschlossen. Immerhin sollte es um die Zukunft der Gelfhofer Heide gehen. Jemand klopfte Stefan Berrendt auf die Schulter. Er drehte sich um und sah Klaus Glausewicht in Begleitung einer jungen Frau. Sie erschien ihm wie der Teufel in der Gestalt eines schönen Weibes; schlank, dunkele, stechende Augen, schwarze, lang-lockige Haare, sonnengebräunte Haut, eine Erscheinung, die nicht so recht zu Glausewicht passte. Oder doch? Ihre Gesichtszüge ließen eine gewisse Raffinesse erkennen. Stefan fand sie aufreizend und er wunderte sich, wie Glausewicht zu dieser Frau kam. Dieser Glausewicht führte sich immer auf, wie der große Zampano und zeigte vor nichts und niemandem Scheu. Vielleicht war es das, was ihn für diese Frau begehrenswert machte. Stefan Berrendt wusste es nicht, aber er wusste ihn zu nehmen und versuchte sofort, in Vorderhand zu gelangen.

 

Glausewicht, was machst du hier?“, fragte er.

 

Das gleiche, wie du, Berrendt. Wo hast du denn deine Frau gelassen? Ich hab meine mit.“

 

Das wird der Liebe Gott nicht wollen!“, reagierte Glausewichts Begleitung und griente Berrendt an, der mit seinen 1,98 Metern, der kräftigen sportlichen Figur und seinem Rauschebart, den er nach seinem Studium nicht mehr abgelegt hatte, scheinbar ihren Geschmack getroffen hatte. Glausewicht hingegen machte seinem Namen überhaupt keine Ehre. Auch wenn er immer wieder gern betonte, dass er seinem Namen nach ein kleiner Mann mit ansprechendem Äußeren sei, so blieb er für Stefan und scheinbar auch für dessen attraktive Begleitung ein charakterloser armer Wicht. Seine Figur, die pockennarbig braune Haut und überhaupt diese ganze Erscheinung hatten nichts von einem Supermann, was sein loses Mundwerk aber stets vortäuschen wollte.

 

Die ist wohl ein bisschen jung für dich“, schlug Berrendt in die Bresche der Frau ein. „Außerdem weißt du doch, dass ich mit deiner Schwester in Scheidung lebe.“

 

Deine Neue meinte ich natürlich. Wärst du mal lieber bei meiner Schwester geblieben.“

 

Weil die den gleichen Charakter hat, wie du? Nee! Die Scheidung werde ich nie bereuen.“

 

Die Kneipentür öffnete sich. Stefan Berrendt hatte einen Platz in der zweiten Stuhlreihe erwischt. Neben ihm sagte eine Frauenstimme:

 

Das hat schon mal geklappt, jetzt muss das andere auch noch in die Wege geleitet werden, dann bin ich glücklich und zufrieden.

 

Berrendt sah nach links und sah neben sich Glausewichts Begleitung. Sie reichte ihm die Hand und sagte:

 

Claudia“

 

Sie haben doch sicher auch einen Familiennamen.“

 

Kennst du die ‚Hägeminster‘ nicht?“, fragte einer vom Stuhl neben dieser Claudia. Es war Glausewicht. Und diese Claudia Hägeminster ließ nicht locker:

 

Ihren Namen kenne ich schon, den hat Klaus öfter erwähnt, und ihr Vorname?“

 

Die geht aber ran“, dachte sich Stefan und bevorzugte doch lieber etwas Abstinenz.

 

Liebes Mädel, wenn du heute schön aufpassen wirst, bekommst du ihn schon mit, er wird für dich aber uninteressant bleiben.“ Im Stillen dachte er, „Man, ist das ein Kaliber, und die will es wirklich wissen, hm.“

 

Vorn am Rednerpult klopfte jemand an sein Wasserglas. Als im Saal Ruhe eingekehrt war, stellte er sich als der zuständige Ressortchef für diese Angelegenheit vor. Stefan Behrendt kannte ihn natürlich, er war ja sein Vorgesetzter. Dieser Ressortchef kündigte an, ein paar Vorbemerkungen zum beabsichtigten Verfahren zu machen.

 

Wir sind heute zusammengekommen, um eine gemeinsame Idee für die Nachnutzung des ehemaligen Truppenübungsplatzes Gelfhof zu entwickeln“, begann er seine Rede. Ein rund 25.000 ha großes Gebiet ist nach 40 Jahren militärischer Nutzung durch die Sowjetarmee wieder frei für die zivile Nutzung. Seitdem erfolgte ein Verkauf von Waldflächen an Privateigentümer, an das Bündnis Natur, die Stiftung ‚Wüste Wildnis‘ sowie die Übertragung des überwiegenden Flächenanteils an das Land.“

 

Ich hätte meine vier Hektar Wald, den ich vor der Wende für einen Appel und ein Ei den Russen als Übungsgelände zur Verfügung stellen musste, auch gern wieder zurück“, rief einer in den Saal.

 

Beim Kauf von Wald geht es um größere Flächen“, antwortete der Regierungsvertreter. „Kleine Parzellen können keine Berücksichtigung finden.“

 

Der Mann winkte ab und vom Regierungsbeamten wurde der nächste Redner vorgestellt.

 

Ein schmächtiger, älterer Mann ging zum Rednerpult.

 

Winzling“, sagte dieser, machte eine kurze Kunstpause und freute sich sichtlich, dass ein paar Zuhörer lachten. Einer rief in den Saal:

 

So siehst du auch aus.“

 

Das störte diesen Winzling nicht im geringsten und er ergänzte sofort unüberhörbar:

 

Doktor Winzling.“

 

Dabei griente er fröhlich in die Runde. Er schaute dabei in alle Richtungen des Saales und nickte den Anwesenden zu, tat, als wäre er ein alter Bekannter. Doch im weiten Rund des Saales schien ihn kaum einer zu kennen, außer Claudia Hägeminster. Die winkte zum Rednerpult und rief:

 

Hallo Winzi!“

 

Er hob lässig seine Hand und grüßte zurück:

 

Hey Claudi! Entschuldigung – ich kenne mich mit der Kollegin Hägeminster gut, aber genau so herzlich möchte ich euch alle begrüßen. Winzling ist mein Name, wie ihr sicher mitbekommen habt, Klaus-Dieter Winzling. Ich komme aus Potsdam, bin also Brandenburger wie ihr. Wir haben mit unserer geschundenen Gegend Großes vor, liebe Freundinnen und Freunde, müssen aber noch Problemfelder beseitigen. Seit dem Beginn der Industrialisierung in Mitteleuropa sind natürliche dynamische Prozesse systematisch aus der Landschaft verdrängt worden. Die Waldökosysteme unterliegen kaum noch einer natürlichen Entwicklungsdynamik. Deshalb brauchen wir dringend Wildnisgebiete für bedrohte Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen, denn nur dort finden sie wichtige Lebens- und Rückzugsräume. Wir brauchen gesunde Wälder, Moore und Auen für eine dauerhafte Senkung der Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre. Deshalb, liebe Freundinnen und Freunde heißt unser Zauberwort Wildnis oder auch Urwald, wie ihr wollt, selbstbestimmt und vom Menschen unbeeinflusst.“

 

Dr. Winzling erzählte noch eine halbe Stunde lang über Sekundärsukzessionen, Feuerökologie und schmiss botanische Begriffe in den Raum, die niemand hören wollte. Am Ende bat er um die Meinung der übrigen Anwesenden zur Zukunft ihrer Umgebung.

 

Stefan Berrendt meldete sich zu Wort.

 

Herr Doktor Winzling, wir kennen uns. Vor einigen Jahren haben sie ihr Betätigungsfeld in den Osten verlegt, um die westdeutsche Bürokratie hier aufzubauen, böse Zungen behaupten, um die Buschzulage einzustreichen. Sie witterten die Chance, ihre Idee von Wildnis im Osten umsetzen zu können. Sie sind kein Brandenburger, wie sie sagten. Schnell wurden sie allerdings ein hoher staatlicher Naturschützer, waren gegen vieles, was im Westen Deutschlands lange Standard war, wie Gewerbegebiete, Golfplätze und anderes mehr. Auch ich war von ihren willkürlichen Entscheidungen betroffen. Sie wollen ihr persönliches Gedankengut den Ossis aufstülpen, wollen hier ausprobieren, was in den sinnvollen Naturschutzgesetzen nicht vorgesehen ist, wildes Land ohne menschlichen Einfluss.

 

Herr Doktor Winzling mit uns nicht. Wir brauchen keinen Urwald im relativ kleinen Deutschland, nicht in Brandenburg und schon gar nicht in der schönen Naturlandschaft der Gelfhofer Heide.“

 

Es gab starken Beifall.

 

Der Ressortchef reagierte verärgert.

 

Herr Berrendt“, sagte er, “da haben sie sicher etwas durcheinander gebracht, worüber wir noch reden müssen. Die nächste Rednerin ist Claudia Hägeminster.“

 

Die Frau, die neben Stefan Berrendt saß, stand auf und ging zum Rednerpult. Sie machte auf die starke Munitionsbelastung aufmerksam, dass die Räumung teuer wäre und dass nur eine Nutzung, wie sie die Stiftung „Wüste Wildnis“ verfolgt, möglich wäre.

 

Ein weiterer Redner aus der Umgebung widersprach:

 

Wir brauchen keine Stiftung oder ähnliches, sondern sollten die investierten Millionen besser für die Munitionsberäumung ausgeben. Mehr als eine vernünftige forstwirtschaftliche Betreuung der Gelfhofer Heide ist nicht erforderlich. Wir wollen die Heide betreten können, Pilze und Beeren suchen dürfen, wie unsere Großeltern. Und noch eins, wir wollen selber über unsere Gegend bestimmen, brauchen keinen Import aus anderen Bundesländern.“

 

Dem Ressortchef glitt das Ruder immer mehr aus den Händen. Abgesehen von Dr. Winzling und einem hoch aufgeschossenen jüngeren Mann mit einem geflochtenen Bart, der offensichtlich nicht aus dieser Gegend stammte, sowie der Hägeminster fand er keine Befürworter seines Ansinnens. Er klopfte am Ende wieder an sein Wasserglas und verkündete den nächsten Diskussionstermin. Dann winkte er Stefan Berrendt zu sich.

 

Herr Berrendt“, sagte er, „noch so ein Beitrag von ihnen und sie können ihren Hut nehmen!“

 

Chef, ich habe nur meine Meinung geäußert, gab Berrendt zur Antwort und eilte zum Ausgang.

 

So geräuschvoll, wie beim Einlass, ging es auch jetzt wieder zu. Glausewicht und die Hägeminster klebten wieder wie die Kletten an Berrendt.

 

Na, zufrieden?“ Glausewicht griente Berrendt fragend an.

 

Ja, es wollten doch alle das Gleiche.“

 

Außer ich“, sagte die Hägeminster.“

 

Berrendt lachte. „Die drei eingekauften Stimmen werden wir verknusen können.“

 

Das glaubst aber nur du“, sagte Glausewicht. „Schon mal was von der EWG-Richtlinie 92/43 oder vom Bundesnaturschutzgesetz gehört?“

 

Für Naturschutz sind wir alle, mein Freund. Ich habe während des Studiums nichts von Urwald in normalen deutschen Wäldern gehört. Ich glaube auch nicht, dass unsere Professoren plötzlich eine ganz andere Meinung zum Wald haben.“

 

Berrendt, du bist und bleibst ein Trottel. Wir leben in einer anderen Zeit und wenn du da nicht mitschwimmst, wirst du es auch zu nichts bringen. Revierförster bist du ja auch nicht geworden und warum, weil du gegen den Strom geschwommen bist.“

 

Jetzt hör mir mal schön zu, Glausewicht. Ich möchte ja nicht angeben, aber im Moment würde ich meinen Job gegen deinen nicht eintauschen. Einen Menschen ohne Rückgrat finde ich übrigens unausstehlich.“

 

Damit schien er Glausewichts großes Maul gestopft zu haben, denn er fand darauf keine Antwort. Stefan Berrendts neue Arbeitsstelle kannte niemand in seinem Umfeld.

 

Herr Berrendt“, deshalb müssen wir uns doch nicht streiten.“, mischte sich die Hägeminster ein. Ich habe übrigens noch eine Überraschung für sie, wir sehen uns. Tschau, bis bald.“

 

Ich kann mich nicht erinnern, bei ihnen als Reflektant in Erscheinung getreten zu sein, weder als Bewerber noch habe ich Interesse, ihnen etwas anzubieten.“ Stefan Berrendt ging, ohne sich noch einmal umzudrehen, zu seinem Auto. Claudia Hägeminster hatte ihm den Kopf verdreht und er gestand sich ein, „ein kleines Abenteuer wäre sie wert, mehr aber nicht, aber jetzt habe ich sie abgewiesen." Stefan dachte an seine neue Bekanntschaft, Stefanie. Die war ihm zwar etwas zu spröde, hatte aber einen guten Charakter. Darüber war er sich sicher. Die wäre etwas zum heiraten. Sex hatte er allerdings das letzte Mal mit Susanne.

 

 

 

Tage später meldete sich Susanne telefonisch bei Stefan.

 

Ich möchte dich zu meinem Geburtstag einladen“, sagte sie und nannte ihm ihre Adresse.

 

Stefan verschlug es im Moment die Sprache. Mit allem hatte er gerechnet, etwa dass die Hägeminster einlädt, aber Susanne?

 

Wie kommst du denn darauf?“, fragte er.

 

Na, warum sollen wir uns nicht zu so einem Anlass treffen? Oder hast du schon wieder eine Neue?“

 

Nein, nein, gut ich komme.“

 

 

 

Stefan holte im Blumenladen noch eine rote Rose, eine mit einem stachligen, langen Stiel und Distelblattwerk hatte er sich ausgesucht. Dann stand er vor der fremden Tür. Ein Frauengespräch wurde deutlicher und als sich die Tür öffnete, kamen ihm zwei Frauen lachend entgegen; Susanne und Claudia Hägeminster.

 

Er stutzte einen Moment, hatte sich aber gleich gefangen, gratulierte Susanne und fügte hinzu:

 

Hätte ich deine Gästeliste gekannt, gäbe es eine zweite stachlige Rose – wir drei alleine?“

 

Ja, das reicht doch, oder?“

 

Die Hägminster reichte Stefan genau wie damals bei der Informationsveranstaltung die Hand und sagte:

 

Claudia.“

 

Stefan nahm die gereichte Hand entgegen und nannte auch seinen Namen. Er fand die Hägeminster eigentlich schon beim ersten Treffen reizend, doch irgendwie hielt er sie für eine Nummer zu groß, für unberechenbar. Aber nun war sie da und es funkte zwischen den beiden sofort. Aber was sollte es? Susanne war ja da und sie hatte eingeladen.

 

Sie hatte eine schön eingerichtete Wohnung und schnell bekam Stefan mit, dass sie diese mit Claudia teilte.

 

Die Party begann, wie jede andere – essen, trinken, unterhalten. Dass es mit Simon nur so ein Flirt war, erfuhr Stefan. Und dass Susanne mit Claudia nicht nur während der Arbeit sondern auch privat gut zurecht kämen, das hatte Stefan auch gemerkt, denn sie konnten ihre Hände nicht voneinander lassen. Die beiden Frauen hatten ein Mixgetränk vorbereitet, das sie „Sex on the Beach“ nannten.

 

Das ist so ein Cranberry-Nektar-Mix“, sagte Claudia.

 

Stefan kostete. „Man o man, da ist aber noch mehr drin. Der schmeckt gut.

 

Ja, noch ein bisschen Wodka und Pfirsichlikör“, ergänzte Susanne. Dabei kicherten die beiden Frauen. Dann stießen sie auf den Geburtstag, das Wiedersehen und auf andere Gründe an und Stefan merkte erst, als die Wirkung sich eingestellt hatte, auf was er sich hier eingelassen hatte. Da war es bereits zu spät. Ein weiterer „Sex on the Beach“ löste alle Hemmungen. Claudia ritt auf Stefan, Susanne saß auf seinem Gesicht, während beide Frauen nebenbei miteinander herummachten. Stefan zog es bald vor, sich von den beiden Grazien mit Küssen und kuscheligen Einheiten verwöhnen zu lassen bevor die Orgie einen weiteren Abschluss fand. Dann wollte er nur einfach zusehen, ekstatisch warten und schließlich hemmungslos eine weitere gemeinsame Sache machen.

 

Am Morgen wachte Stefan auf der großen Liegecouch zwischen den zwei Frauen, die scheinbar völlig groggy schliefen, auf. Der Kopf brummte und er überlegte: Eigentlich wollte ich mit der einen nichts mehr zu tun haben und mit der anderen hatte ich ein Abenteuer nicht ausgeschlossen. Aber eines von dieser Sorte und gleich als flotten Dreier hatte ich nicht erwartet.

 

Es war für Stefan Neuland und er fand es gar nicht so verkehrt. Nur durfte niemand davon erfahren, schon gar nicht Stefanie.

 

Stefan weckte seine Beischläferinnen und verabschiedete sich. Sie legten beide, wie abgestimmt, ihren Zeigefinder auf die Lippen und Claudia sagte:

 

Ich würde dich gern wiedersehen, Stefan.“

 

Dazu gehören zwei, meine Liebe“, sagte Stefan unmissverständlich. „Wir wollen die Nacht lieber aus unserem Gedächtnis streichen, alle drei!“, dann ging er.

 

 

 

 

 

 

 

III

 

2009

 

 

 

Im Jahr 2009 war viel passiert. Stefan Berrendt hatte seine Stefanie geheiratet, zum Ärgernis von Claudia Hägeminster und zur Freude seiner Eltern Gerd und Gerda.

 

Stafanie passt richtig gut zu dir und auch zu unserem Bauernhof“, fanden sie, und in der Tat fügte sich Stefanie schnell bei den Berrendts ein. Nur die Beziehung zu Stefan blieb von Anfang an sehr zurückhaltend. Als Stefan bald etwas mehr von Stefanie wünschte, bat sie ihn, ihr noch etwas Zeit zu geben. Sie käme noch nicht über den plötzlichen Tod ihres verstorbenen Mannes hinweg.

 

Dieser Verkehrsunfall kam so plötzlich, dass ich meine Zeit brauche“, sagte sie. Stefan war nicht glücklich mit der Situation, zeigte aber ihr gegenüber Verständnis.

 

 

 

Irgendwann meldete sich die Hägeminster wieder. Seit der Geburtstagsfeier war ein halbes Jahr verstrichen.

 

Du hattest gesagt, dass zum Wiedersehen zwei gehören. Ich bin allein und würde dich gern wiedersehen“, sagte sie.

 

Hatte ich das gesagt?“

 

Du bist aber vergesslich. ‚Dazu gehören zwei, meine Liebe‘“, hattest du gesagt.

 

Wohnst du noch bei Susanne?“

 

Ja, sie ist aber nicht zu Hause und weiß nichts von meinem Anruf.“

 

Gut, Claudia, bin gleich da.“

 

Claudia Hägeminster öffnete die Tür einen Spalt, als Stefan sich per Handy angemeldet hatte. Sie war mit einem schwarzen Netz-Body bekleidet. Im Nacken war er gebunden und hatte am Rücken einen Hakenverschluss. Die Zierketten an der Seite trugen zur Verhüllung des Körpers, wie das gesamte Kleidungsstück, nicht wesentlich bei. Einzig die Pumps überdeckten die ihnen zugedachten Körperteile. Stefan fand Claudia in ihrer Aufmachung reizend und es dauerte nicht lange,...

 

 

 

 

 

 

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... .Warum bekommt denn kein Förster, kein zuständiger Ressortchef diese heutige paradoxe Waldwirtschaft mit?“, fragte sich Stefan. Warum wirken sie dem nicht entgegen – oder dürfen sie es nicht?“ Er dachte an seine fristlose Entlassung, an seine Rehabilitierung, die kurz bevor stand. Unweit von ihm sah er mitten auf dem Weg eine frische, dampfende Losung, offenbar von einem Wolf. Das fand Stefan nicht so ungewöhnlich, aber als er links des Weges über die Sandwüste mit den noch verkohlten Baum- und Strauchresten schaute, zog er es vor, wieder auf sein Fahrrad zu steigen und dieses Terrain schnellstens zu verlassen. Ein kleines Rudel Wölfe trottete dort entlang. Sie hielten ihre Distanz von vielleicht hundert Metern zu ihm nun bei, trotzdem fand er das Verhalten der Tiere ungewöhnlich und bedrohlich. Ein bisschen mulmig wurde ihm bei diesem Anblick und er überlegte:

 

Fahre ich zurück oder fahre ich weiter?

 

Die Wegkreuzung vor dem hohen Wald war bereits in Sicht. Bis dort hin war es nicht mehr weit. Stefan fing an zu singen. Er hatte mal gehört, dass Gesang Wölfe vertreiben könnte.

 

Als er auf dieser Wegkreuzung eine Person auf einem Fahrrad sah, die auch in Richtung seines Zieles unterwegs war, hatte er sich vollends für das Pilze sammeln entschieden, so wie er es vorgesehen hatte. Der jetzt auffrischende Wind machte ihm seine Fahrt etwas erträglicher. Bis zu seiner Pilzstelle hatte er noch etwa zwei Kilometer zurückzulegen, jetzt wieder durch hohen Wald. Die Landschaft wurde für einen Flachländer bergig. Immerhin ging es am Ende seiner Tour nur noch bergab, bis zu einem Moorgebiet. In diesem Waldabschnitt waren die Pfifferlinge eine Nummer größer als normal. Insiderwissen. Stefan hielt sich gern hier in dieser Waldgegend auf. Die vielen kleinen Seen, die Moore, der hohe gesunde Kiefernbestand mit den Gruppen von Stieleichen mittendrin und natürlich das viele Wild. Die Flora und Fauna schien hier von einem fremden Kontinent zu sein. Rot- und Schwarzwild, Bienen und alles mögliche, was so im Wald herum kreuchen und fleuchen kann, Insekten und sonstiges Getier gaben sich hier ein Stelldichein. Die Vielfalt der Pflanzen, die in diesem immer feuchten Boden üppig gediehen, atmeten ihren besonderen Duft aus, der in Richtung Moor sich fast streng verbreitete. Manch einer sprach gar von einem Gestank.

 

Glausewicht sah es nicht so gern, wenn Stefan sich in den Wäldern der „Wüste-Wildnis-Stiftung Gelfhof“ aufhielt. Es war ja eigentlich auch verboten. Er hatte aber ein Problem, Stefan den Zutritt zu verbieten. Immerhin war er mal sein Schwager.

 

Zu DDR-Zeiten durfte der Wald um den Truppenübungsplatz herum durch die Bevölkerung überhaupt nicht befahren oder betreten werden. Am Waldrand waren Schilder mit der Aufschrift, „Sperrgebiet! Unbefugten ist das Betreten, Befahren und die bildliche Darstellung verboten! Zuwiderhandlungen werden bestraft!“, angebracht. Das ist lange her. Jetzt, dreißig Jahre nach der politischen Wende sah die ganze Sache etwas entspannter aus. Das Sperrgebiet gab es so nicht mehr. Man konnte die Waldwege offiziell befahren oder begehen.

 

Oder doch nicht“, fragte sich Stefan, denn ab der Wegkreuzung hatte jemand riesige Baumstämme in nicht allzu weiten Abständen voneinander quer über den Weg gelegt. „Irgendwer hat wohl doch ein Problem mit dem Befahren oder Begehen für jedermann, ja offenbar auch für die Feuerwehr, denn die käme im Brandfall hier auch nicht problemlos durch.“

 

Trotz der Hindernisse hatte Stefan den Hang zum Moor erreicht. Die Person mit dem Fahrrad war nicht mehr zu sehen. Auch von den Wölfen fehlte jede Spur. Er versteckte sein Fahrrad in einer Strauchgruppe, nahm einen der zwei Körbe und schaute zum Moor hinunter. Wenige Meter vom Weg entfernt machte er die ersten gelben Flecken aus. Es waren ganze Inseln, die mit diesen Cantharellus cibarius bedeckt waren. Diese lateinische Bezeichnung für Pfifferlinge hatte Stefan während seines Studiums kennengelernt und nie wieder aus seinem Gedächtnis streichen können. Manchmal foppte er schon mal Freunde mit diesem Wort, die dann nicht wussten, was er eigentlich sammeln wollte. Er wusste es in diesem Moment ganz bestimmt und hatte nach wenigen Schritten in Richtung Moor schon die ersten Prachtexemplare, dessen goldgelber Hut nicht selten einen Durchmesser von zehn bis zwölf Zentimeter aufwies, im Korb. Ganz vorsichtig bewegte er sich durch das Naturreich, dass nicht nur diese schmackhaften Pilze im Angebot hatte, sondern auch noch eine sehr gefährliche Bestückung mittendrin. Weder die Pfifferlinge, noch die Buntmetallspitzen mit ihrem todbringenden Sprengstoff daran, wollte er mit seinem Körper zerstören. Diese Munition, die die sowjetischen Truppen nach ihrem Kriegsspiel sträflich liegenließen, schaute beinahe auf jedem Quadratmeter aus dem Boden und schien mit den Pfifferlingen konkurrieren zu wollen. Stefan wusste nicht, welches Geschoss noch scharf war. Er hatte jede Bewegung mit viel Bedacht vollzogen und jegliche Munition als funktionstüchtig angesehen. Auch das Moor barg Gefahren, aber das sollte nicht sein Pilzrevier werden. Nicht einmal die halbe Strecke bis dort brauchte er, da war sein erster Korb bereits voll. Er streckte sich, denn bisher war er ständig in Suchhaltung unterwegs. Alle Glieder schmerzten im Moment. Dann war er im Begriff, den Berg wieder hinauf zu laufen, den zweiten Korb zu holen. In diesem Augenblick erblickte er die Person mit dem Fahrrad von vorhin am Wegrand, wie sie sich gegen ihr Fahrrad im Rücken lehnte und eine Wasserflasche öffnete. Sie goss einen Teil der Flüssigkeit auf den Waldboden nahm ihre Zigarette aus dem Mund und warf sie auf diese Stelle.

 

Was machst du denn da!?“, Rief Stefan entsetzt. Lösch bitte sofort das Feuer, schrie er aus Leibeskräften. „Ich kenne dich, was du hier tust, wird dich teuer zu stehen kommen!“

 

Der Feuerteufel nahm sein Fahrrad und eilte davon. Stefan erkannte, dass das Feuer schnell um sich griff und dass noch weitere Feuer entfacht wurden. Er hatte keine Chance mehr den Weg und damit sein Fahrrad zu erreichen, kehrte um und rannte den Hang hinunter. Umgekippte Bäume, Totholz, Gestrüpp und vor allem die viele Munition behinderten ihn bei seiner Flucht. Im Moorgebiet, das in der Ferne zu einem kleinen See überging, erhoffte er sich eine gewisse Sicherheit. Dorthin wollte er sich retten, vielleicht zum Wasser gelangen und zum rettenden Ufer auf der gegenüber liegenden Seite schwimmen. Das Moor hatte er erreicht, seinen Korb, längst von den Pilzen entledigt, in der Hand. Er kannte die Feuerresistenz des Korbmaterials und hatte ihn als eventuelle Schutzbedeckung für seinen Kopf vorgesehen. Stefan Berrendt versuchte nun, auf dem Moor einen Schritt vor den anderen zu setzen. Was anfangs noch funktionierte, wurde mit jedem weiteren Schritt immer schwieriger. Bald steckte er bis zu den Knien im Morast fest. Ein Weiterkommen war aussichtslos, die Kräfte versagten ihm. Seine herzzerreißenden Hilferufe mussten selbst dem letzten Waldbewohner an die Nieren gegangen sein, nicht aber einem Jeepfahrer, den Stefan hinter dem See erkannte. Dort wo das Fahrrad auch schon verschwunden war, verfolgte er seinen Weg unbeirrt. Bald war er nicht mehr zu sehen. Das Feuer jedoch kam immer näher und als er es vor Hitze kaum noch ausgehalten hatte, versuchte er, sich so tief wie möglich ins Moor einzuwühlen. Den Korb stülpte er in letzter Not über den Kopf. Im Unterbewusstsein vernahm Stefan Berrendt ein Dröhnen über sich. Wirre Träume, gepaart mit dem Geschehenen rasten durch seinen Kopf. Ein letztes Wort presste er durch seine Lippen, mehr waren sie nicht mehr im Stande, preis zu geben.