Der Feuerteufel in der Heide

Vorwort

 

 

 

Urwald in Deutschland – ein Albtraum? Die EU-Biodiversitätsstrategie 2030, sieht Nutzungsbeschränkungen auf 30% der Landfläche vor, wobei auf 10% der Fläche ein absolutes Nutzungsverbot gelten soll. Aus Wäldern soll Wildnis (Urwald) entstehen – ja, Klimapolitik mutet manchmal fast kriminell an, zumindest, wenn fragwürdige Klimaenthusiasten Gehör bei Politikern finden. Resultate daraus animieren jeden Krimi-Autoren zum Schreiben eines Romans mit Intrigen und Verschwörungen.

 

Die in diesem Buch beschriebenen Personen, Institutionen, Orte und Handlungen sind fiktiv. Die Orte im Prolog sind es nicht. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen oder mit real existierenden Begebenheiten sind möglich. Die gesamte Dramaturgie des Buches ist aber der Fantasie des Autors geschuldet.

 

 

 

 

P R O L O G

 

 

 

1990 – Morgentau macht Himmelblau“, sagte Opa Berrendt. „Das wird der erste schöne Frühlingstag. Die Meteorologen prophezeien zwar etwas anderes, aber dem Wetterbericht in der Tageszeitung glaube ich kein Wort. Heute können wir die geplante Kutschfahrt durch die Lieberoser Heide endlich in Angriff nehmen. Unsere Heimat, die uns jahrelang zu Füßen lag, aber unerreichbar war, möchte ich vielleicht ein letztes mal wieder sehen. Ihr werdet staunen, welche Perle der Natur uns vorenthalten wurde.“

 

Nach zwanzigminütiger Fahrt sagte der Opa:

 

Jetzt können wir den Libitzer Weg geradeaus weiter fahren, dann kommen wir direkt nach Klein- und Groß Liebitz. Dort hin ist es nicht mehr weit.“

 

Das war bisher über Lieberose fast eine Weltreise“, ergänzte Gerhard Berrendt, sein Sohn. Er sagte „brrr“ und ließ die Pferde anhalten. Der Opa ließ sich eine Decke reichen und deckte sie über die Knie.

 

Es ist doch noch etwas frisch“, befand er und übernahm sofort wieder das Wort:

 

Biegen wir rechts ab, kommen wir nach Lieberose und nehmen wir die linke Richtung, kommen wir zum Burghofsee. Auf dem Burghof habe ich von 1936 bis zum Krieg die Woche über gewohnt. Ich war, wie alle hier, als Waldarbeiter beschäftigt.“

 

Dann biegen wir links ab“, sagte Gerhard und ließ die Pferde mit einem „Hü!“ und leichtem Zug an der linken Leine in Gang kommen. Hinten auf der Rückbank der Kutsche saßen seine Frau Gerda und sein siebzehnjähriger Sohn Stefan. Der Beifahrersitz war dem achtzigjährigen Opa vorbehalten. Schließlich sollte er den Weg weisen, den seine Begleiter bis dato nie kennenlernen durften und über die alte Zeit nebenbei erzählen. Und er erzählte und erzählte, als wollte er eine letzte Gelegenheit nutzen, seiner Familie sein Wissen zu übermitteln. Dann stockte er seinen Redefluss.

 

Hier!“, rief er plötzlich, „hier ist die Kreuzung. Der Weg nach rechts führt um den Burghofsee herum, links lang kämen wir in Richtung Drachhausen, Fehrow und geradeaus führt ein Knüppeldamm durch das Burghofsee-Moor, da fahren wir lang. Gerhard, pass auf, dass du nicht vom Weg abkommst, sonst fährst du rechts in den See rein und links ins Moor!“

 

Die Kutsche rumpelte über die quer gelegten Knüppel und der Opa schimpfte, als wieder normaler Baumbewuchs den Weg rechts und links säumte: „Damals war der Wald hier noch in Ordnung, dafür haben wir gesorgt. Es lag kein trockenes Holz herum. Alte Bäume wurden gefällt, neue gepflanzt. Die Russen haben hier alles kurz und klein geschossen“, erzählte der alte Mann weiter. Er hatte Tränen in den Augen, als die Kutsche am anderen Ende des Sees unter einem alten verknöcherten Apfelbaum hielt.

 

Hier unter diesem Baum haben wir damals meist gefrühstückt und das werden wir jetzt auch tun. Dort hinten sieht man noch die Grundmauern vom Forsthaus. Das Grundstück ist nicht wieder zu erkennen. Es ist eine Schande. Nur gut, dass das alles meine Marie nicht mehr sehen muss. Sie war hier in Stellung.“ Dabei wischte er sich mit dem Taschentuch die Tränen von den Wangen.

 

Opa, jetzt ist die Zeit der Kriege endlich vorbei und wir können wieder reisen und wandern wann und wohin wir wollen, ohne jemanden um Erlaubnis zu betteln“, sagte sein Enkelsohn Stefan. Vielleicht bauen wir das Forsthaus wieder auf und ich werde als Förster einmal dort einziehen.

 

Wir wollen erst einmal abwarten, was der Westen uns so alles bringen wird, bremste Mutter Gerda die Euphorie ihres Sohnes und stellte einen Korb mit Proviant für das zweite Frühstück auf den Kutschtisch.

 

Die kleine Expedition setzte ihre Tour bald fort und es dauerte nicht lange, da übernahm der Opa das Steuer, der Rest der Familie musste das nicht ganz geeignete Gefährt für diese nun kommende Wüstenrallye schieben, die Pferde ein paar Meter weit unterstützen. Es war aber auch Wüste pur, mit Sanddünen und allem was dazu gehört.

 

So etwas gab es hier früher nicht“, schimpfte Opa wieder, aber wir wollen zum Birkenluch und durch das Geserchenluch kommen wir nicht durch. Da müssen wir schon ein Stück durch die Panzerwüste fahren. In dreißig Jahren wird hier überall wieder Wald sein, so wie zu meiner Jugendzeit. Stefan, dann wirst du als Förster hier wieder für Ordnung sorgen.“

 

Ja, Opa“, sagte Stefan, „das verspreche ich dir. Dafür werde ich noch ein paar Jahre studieren.“

 

Die Strapaze durch die Wüste hatte sich gelohnt. Dieses Birkenluch war, genau wie alle anderen Luche und Seen eine Augenweide. Sie ergänzten sich mit den ausgedehnten Kiefernwäldern mit ihrem harzigen Geruch und den Eichen, die oft in kleinen Gruppen auch in der Nähe von Feuchtgebieten ihre groß verzweigten Kronen zur Schau stellten. Rehe, Hirsche und Wildschweine ließen sich nicht von dem Gefährt stören.

 

Opa“, gibt es hier im Wald auch Wölfe?“, fragte Stefan.

 

Nein, die können wir nicht gebrauchen. Der letzte Wolf wurde Gott sei Dank im Jahr meiner Geburt geschossen. Deutschland hat nicht mehr den Lebensraum für Wölfe wie vor hunderten von Jahren. Dafür ist die Bevölkerungsdichte viel zu groß. Vielleicht gab es sie früher mal am Painscher Luch und Cottbuser Berg, wo wir gleich vorbeikommen werden, um zum Teerofensee zu gelangen“, erklärte der Opa. Am Teerofensee machten die Berrendts eine kleine Pause mit Radeberger Bier im Angebot.

 

Das gab es früher nur auf dem Schwarzmarkt“, gab Gerhard zum Besten und der Opa konnte sich an so etwas überhaupt nicht erinnern.

 

Früher tranken wir Braunbier, was uns der Bierkutscher gebracht hatte. Und das Cottbuser Bier zu DDR-Zeiten konnte man ja nicht trinken, höchstens aus den braunen Flaschen. Die grünen durfte man nicht bewegen, dann sahen die Flaschen aus, als tobte ein Schneesturm darin.“

 

Stefan amüsierte sich über die alten Geschichten. Sein Opa mahnte aber zur Weiterfahrt und gab Anweisungen zur Streckenführung und erklärte:

 

Jetzt fahren wir weiter zum kleinen und zum großen Zehme-See, wo die Familie von Houwald ihr gräfliches Jagdhaus hatte. Mittag wollen wir bei meinem Bruder in Byhlen sein, der wohnt unweit vom See und zum Kaffee sind wir wieder zu Hause.

 

Die Familie Berrendt genoss die wieder erlangte Freiheit, doch als es die Natur mit dem großen Zehme-See am besten meinte, waren sie plötzlich nicht mehr allein in mitten der Perle der Natur. Wie Phönix aus der Asche stand plötzlich ein Jeep neben der Kutsche. Ein Förster stieg aus, er hatte einen Hund an der Leine.

 

Wissen sie eigentlich, in welcher Gefahr sie sich hier befinden?“, donnerte er diese friedlichen Naturliebhaber an. „In dieser Gegend kann sich überall Munition befinden.“

 

Da haben sie aber Glück gehabt!“, erwiderte Stefan, „wie leicht hätte es sie erwischen können!“

 

Ihren Ausweis bitte“, forderte der Forstbeamte Gerhard Behrendt auf, offenbar hatte er ihn als Kutscher auch zum Verantwortlichen dieser „straffällig“ gewordenen Gruppe erkoren. Auf die Bemerkung des jugendlichen Stefan ging er nicht ein.

 

Ich habe keinen mit.“

 

Ihr Name?“

 

Müller“, übernahm Stefan die Antwort.

 

Sie sind nicht gefragt“, donnerte der Förster Stefan an und fragte Gerhard nach dem Vornamen.

 

Peter“, gab er geistesgegenwärtig zur Antwort, dann durfte die Familie unter dem Verweis, sofort den Wald zu verlassen, ihre Fahrt nach Hause antreten. So bekam der Freiheitsgedanke doch einen kleinen Dämpfer und Familie Berrendt war schon zu Mittag anstatt zum Kaffee wieder zu Hause.

 

 

I

Zwei Jahre war es her, als Stefan Berrendt während der Abschlussfeier seines Bachelorstudiums Susanne, die Schwester seines Kommilitonen Klaus Glausewicht, kennenlernte. Es war im Sommer 1995. So richtig kennengelernt hatte er sie allerdings nie, abgesehen von ein paar schönen Urlaubstagen. Sein Master-Studium in den letzten zwei Jahren gab ihm dazu keine Gelegenheit. Jetzt war auch dieses abgeschlossen und es gab einen guten Grund zum Feiern; die Trauung mit Susanne. Susanne war bereits im Hause Berrendt eingezogen, war im siebenten Monat schwanger, da war die Hochzeit nach Ansicht von Vater und Mutter Berrendt längst überfällig. Nicht für Stefan. Außer, dass Susanne schwanger war, gab es für ihn keinen wirklichen Grund zur Eheschließung. Klar war sie schön, anzüglich und sie nutzten die begrenzte Zeit des Zusammenseins zur körperlichen Hingabe in vollen Zügen. Doch viel mehr, als ihr Aussehen, und ihren unersättlichen Liebesdrang kannte er nicht von ihr. Er wusste nicht einmal, was sie so richtig beruflich tat, nur so viel, dass eine Stiftung ihr Arbeitgeber wäre.

 

Eine Gesellschaft, die sich größtenteils noch niemals gesehen hatte, traf sich vor dem Standesamt. Das große Kennenlernen konnte also beginnen. Das ging dann für Stefan schneller als gedacht. Nach dem üblichen Prozedere gab es in der Gaststätte ein Essen. Beim anschließenden Umtrunk fanden sich interessante Gesprächsrunden zusammen. Immerhin waren zwei frisch ausgebildete Forstwirte, ein Beamter aus der Politik und andere Interessierte für Klima und Wald dabei. Als der Alkoholpegel gestiegen war, wurden die Diskussionen hitzig. Der Klimawandel und welche Rolle der Wald dabei spielen würde, waren das große Thema. Klaus Glausewicht schwang das Zepter. Er wollte die von Waldbrand bedrohten Kiefernbestände nach und nach entfernen und den Wald sich selbst überlassen. Damit stünde er allein da, wenn nicht seine Schwester und ab diesem Tag Stefans Ehefrau ihm nicht beiseite gestanden hätte. Einer stellte sich als Zimmermann vor und schimpfte auf die Politik, die den miserablen, ungepflegten Waldzustand mit Totholz billigen würde. Man brauche einen gesunden Wald als Holzlieferant und für den Klimaschutz, sagte er.

 

Am Ende fragte einer:

 

Wer hat denn nun Schuld am Klimawandel?“

 

Ich will es mal so sagen“, mischte sich Stefan in die Gesprächsrunde ein. „Der allein Schuldige am Klimawandel ist der Mensch mit seinen Fähigkeiten, seiner Neugier und seinem Erfindergeist. Wäre der Mensch ein Affe, gäbe es keinen Kapitalismus und damit keinen Klimawandel. Das denken zumindest viele Affen. Und weil das so ist, fühlen sich bestimmte Menschen, von xy bis Karl Schießmichtot, berufen, gegen die Schuldigen zu protestieren. Sie kleben sich auf Autobahnen fest, ketten sich auf Baumkronen an, schweißen sich an Eisenbahnschienen, greifen also in den Verkehr ein, behindern die Wirtschaft, gefährden andere Menschen. Und sie erzielen Wirkung in oberster Instanz!“

 

Das ist so“, reagierte als erster der Beamte und grinste. Auch alle anderen Gäste amüsierten sich über Stefans Beitrag, nur Susanne nicht. Sie wurde knallrot, die Wut stand ihr ins Gesicht geschrieben, als sie mit erregter lauter Stimme in das Gelächter schrie:

 

Stefan, dann bin ich in deinen Augen wohl eine Äffin!“

 

Susanne, nein, um Gottes Willen, wie kommst du denn darauf? Ich habe nicht gesagt, dass du eine Äffin bist!“

 

Ich war aber bei den von dir angesprochenen Demonstrationen auch schon dabei.“

 

Susanne, das ist doch nicht so schlimm, Jugendliche flippen schon mal aus. Mir geht es doch nur darum, dass man die Fähigkeiten und den Erfindergeist des Menschen nicht anzweifeln darf, dass wir ohne den elektrischen Strom, Autos und vielem anderen nicht den heutigen Wohlstand hätten. Natürlich war diese Industrialisierung nicht immer klimafreundlich, aber das war doch der Zeit geschuldet. Heute können wir nicht einfach alles dem Klima nicht Zuträgliche abrupt abschaffen. Die Menschen werden verstehen, Äquivalente zu finden. Es braucht seine Zeit.“

 

Susanne stand auf, rannte aus dem Saal und rief dabei:

 

Dann bleibe ich für dich wohl eine ausgeflippte Äffin!“, und war verschwunden.

 

Klaus Glausewicht lachte aus vollem Hals. „Das ist meine Schwester, Stefan, so kenne ich sie, mach dir da nichts draus.“ „Entschuldige mal, Klaus, ich habe sie heute geheiratet, und hab mir den heutigen Tag schon ein bisschen anders vorgestellt. Du hattest sie mir vor zwei Jahren wie Sauerbier angeboten, hättest mir von ihren außergewöhnlichen Reizen schon damals was sagen können. Aber du kannst ja auch nichts dafür. Ich bekomme das schon wieder hin.“

 

Na dann viel Spaß“, sagte der neue Schwager, mit dem Stefan eigentlich nie viel am Hut hatte. Seine reizende Schwester machte ihn mit diesem Tag sogar zum Verwandten, dessen Umgang Stefan den kurzen Rest der Feier mied.